Datenkraken lauern vor Caracas
Ha ! Mal wieder eine schöne reißerische Überschrift. Aber irgendwie erinnern mich die Debatten über Datensicherheit, soziale Netzwerke (ja, es gibt einen deutschen Begriff dafür), IP-Adressen und Kameraautos an diesen Film. Wer ihn nicht kennt, der Film (Bestien lauern vor Caracas) liegt irgendwo zwischen dem weißen Hai, Käptn Nemo und Gayniggers From Outer Space, quasi ein nicht-gruseliger Horrorfilm mit enormen Witzpotential aufgrund des thrashigen Inhalts und der grottigen Darstellung desselben.
Fangen wir also mal an, das ganze Thema polemisch und publikumswirksam auseinanderzunehmen. Da ist zum einen die Ursel. Da braucht man nicht sonderlich viel zu schreiben, alles ist hinlänglich bekannt und über das Stopschild habe ich sogar schon geblogt. Aber wir haben ja auch noch andere Leute, zum Beispiel unsere Justizministerin, Frau Läutkreuser-Schnakenburger oder so ähnlich. Für diese Dame ist personalisierte Werbung etwas gaaaanz furchtbares. Es gibt wohl nichts schlimmeres als wenn eine Firma in Internet Werbung an die Leute ausgibt, die es auch noch interessieren könnte ! Furchtbar ! Es ist mir auch schon oft passiert, daß mir Werbung ausgeliefert wurde, die mich wirklich interessierte und die mich zum kaufen animierte. Ihr glaub gar nicht, wie viele U-Boote bei mir im Garten stehen ! Es ist schon schlimm, daß skrupellose Firmen auf diese Weise versuchen, armen Bundesbürgern das sauer verdiente Geld aus der Tasche zu ziehen. Und die Pointe ? Die Frau ist in der FDP. Aber ich weiß ja jetzt bescheid und sollte es der Bäcker um die Ecke nochmal wagen zu sagen “Sie mögen doch Bienenstich, ich habe wieder welchen gebacken.” dann lasse ich ihn Abmahnen. Denn um genau diesen Fall geht es.
Es geht also um die alles entscheidende Frage nach unseren Daten, unseren persönlichen Daten, die jeder zu Hause sicher im Tresor hortet. Oder macht er das etwa nicht ? Das ist nämlich genau der Punkt. Seit der Facebook-Debatte boomt das Portal wie nie, seit zwei Monaten scheint sich die Nutzerzahl in Deutschland gefühlt um mehrere hundert Prozent gesteigert zu haben. Da stellen die Leute ihre Daten rein und wundern sich, wenn die irgendwer benutzt. Hallo ? Zum einen sind sie da selber Schuld, zum anderen stellt sich aber die Frage: Na und ? Was ist schlimm daran, wenn ich personalisierte Werbung bekomme ? Werbeagenturen sind im Vergleich zu so manchem selbsternannten Freiheitskämpfer gar nicht so doof. Werbung ist keine Hypnose, Werbung soll informieren und anregen. Wenn mir keine Milka schmeckt, dann kann mir die Firma so viele lila Kühe um die Ohren hauen, wie sie mag. Ich werde keine Milka kaufen. Wenn ein leicht beeinflußbarer Teenager sich eine Jacke von H&M kauft, dann nicht weil die Werbung vor Marienhof lief, sondern weil Katy Perry dort letztens in Berlin gesichtet wurde. Die einzigen, die durch Werbung direkt beeinflußbar sind, sind Vorschulkinder. Aber bei denen haben die Eltern das Geld und wenn die Eltern clever sind, schalten sie eh Kika und nicht Super RTL ein.
Also ist Werbung nicht böse ? Nicht jede Werbung. Nervige Flash-Popups, die rumtröten, wenn man ein IT-Forum aufmacht kann man getrost auf den Mond schießen. Aber das ist ja nicht personalisiert, sondern funktioniert analog dem Jagen mit der Schrotflinte: Einfach draufhalten, irgendwas trifft man schon. Clevere Werbung aber zeigt mir das, was ICH will. Zum Beispiel gibts das sogenannte Retargeting. Man legt sich im Quelle-Shop einen Pulli in den Warenkorb und wird dann regelmäßig mit Pulli-Angeboten von Quelle bombardiert. Schlimm, oder ? Aber wenn ich den nicht will und statt dessen den schöneren Pulli bei Otto gekauft hab, kann mir die Werbung gestohlen bleiben. Wenn ich aber nur deshalb nicht gekauft habe, weil plötzlich meine Schwiegermutter anrief und ich es deshalb vergaß, bin ich vielleicht jetzt froh über diese Erinnerung und kaufe gleich. Genau so funktioniert das nämlich. Wenn mich Amazon-Werbung bombardiert, klicke ich da eh nur, wenn es mich interessiert. Gut, vielleicht kauf ich mir dann ein Buch und habe dann kein Geld mehr für die neue Bon Jovi-CD, aber die hätten ja auch werben können. Im Endeffekt entscheidet jeder am Schluß doch selber, personalisierte Werbung ist nichts mehr wie der Tip eines Freundes oder der Bäcker, der weiß was seine Kunden mögen.
Etwas anderes ist viel interessanter. Die Mehrheit aller Personalchefs guckt sich die Facebook-, meinvz-, myspace- und andere Seiten von Bewerbern an. Auch Google bringt teilweise interessante Ergebnisse, von Personensuchmaschinen ganz zu schweigen. Schonmal überlegt, was passiert wenn man achtlos Bilder von sich veröffentlicht, wo man besoffen an ein Polizeiauto pinkelt ? Noch schlimmer, wenn das jemand anderes veröffentlicht. Da regt sich Sarah Connor über ein Nacktbild auf einem gestohlenen Laptop auf. Mein Gott, dann soll sie ihre Möpse halt nicht in die Kamera halten, oder ? Das ist aber nun nicht ganz so einfach. Ich weiß nicht wie die Millionen privater Nacktfotos ins Netz kommen, aber sicherlich nicht alle durch Eigeninitiative der dargestellten Person oder durch gestohlene Laptos. Auch durch den verletzten Ex-Freund, den Nachbar, der das ungesicherte WLAN entdeckt hat wäre es möglich. Meine (rein persönliche und nicht belegte) Vermutung ist es aber, daß ein nicht geringer Teil auch durch Viren möglich wäre. Ein Virus könnte sich festsetzen und auf dem Rechner gezielt nach Fotos suchen. Diese werden dann im Hintergrund an einen Server geschickt und dort automatisch ausgewertet. Somit hat man eine vorsortierte Datenbank von peinlichen oder Nacktfotos, die man auf entsprechenden Portalen verscherbeln kann. Für jemand, der sich mit Viren und Bildanalyse auskennt und keine Skrupel hat wäre das eine schnelle Geldquelle. Es ist also eben grade nicht so, daß man die Kontrolle hat. Im kleinen Bereich kennt man das aus den vergangenen Jahren noch mit ungebetenen Anrufen, wenn man in Telefonbuch steht.
Aber was macht man denn nun ? Mark Zuckerberg meinte mal, für ihn ist Privatsphäre ein Auslaufmodell. Damit hat er wahrscheinlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Konzept der Privatsphäre existiert ja im engeren Sinne noch gar nicht so lange. Privatsphäre war für den normalen Menschen ja erst durch bessere medizinische Versorgung und die entstandenen Sozialsysteme und die damit zusammenhängende fehlende Notwendigkeit für das bilden von zusammenhockenden Großfamilien möglich geworden. Die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten trieb das weiter und nun geht es halt wieder etwas zurück. Aber wer halt nicht nackt am FKK-Strand rumhängt und seine Privatbilder auch auf dem Rechner gesichert speichert, der hat weiter seine Ruhe. Und doch wird das vielleicht irgendwann alles viel lockerer gesehen werden. Denn wenn der Personalchef selber fürchten muß, daß peinliche Bilder bei Facebook eingestellt werden, dann wird er das bei Bewerbern weniger wichten. Wenn jeder zweite Deutsche irgendwo nackich im Netz ist, wird sich auch Sarah Connor weniger aufregen. Die ganze Geschichte mit den Datenkraken wird dann irgendwann genau die Bedeutung haben, die sie auch wirklich verdient: eine geringe.
Leave a Reply